Die Debatte ist immer dieselbe. PKV-Patienten bekommen schneller Termine, höhere Erstattungen, bessere Behandlung. „Zwei-Klassen-Medizin“ lautet der Vorwurf. Aber niemand stellt die Gegenfrage: Was passiert mit dem Gesundheitssystem, wenn Privatpatienten plötzlich fehlen?
Das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP) hat es berechnet. Die Antwort: 15,52 Milliarden Euro würden fehlen. Das ist der Mehrumsatz, den Privatpatienten für das gesamte Gesundheitssystem erwirtschaften. In einem einzigen Jahr. Und die Zahl wächst.
Ich arbeite seit über 25 Jahren mit dem PKV-System. Diese Zahlen überraschen mich nicht. Aber sie sollten jeden überraschen, der leichtfertig die Abschaffung der PKV fordert.
Der PKV-Mehrumsatz bezeichnet die Differenz zwischen den Honoraren, die Leistungserbringer für Privatpatienten nach der GOÄ erhalten, und dem, was dieselbe Behandlung im GKV-System nach dem EBM kosten würde. Laut WIP-Studie 2024 beträgt dieser Mehrumsatz 15,52 Milliarden Euro jährlich, finanziert von 10,5 Prozent der Bevölkerung.
Wie viel Geld bringen Privatpatienten ins Gesundheitssystem?
Privatpatienten werden nach anderen Gebührenordnungen behandelt als gesetzlich Versicherte. Ärzte rechnen bei PKV-Versicherten nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) ab, bei GKV-Versicherten nach dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM). Die Differenz zwischen dem, was ein Privatpatient zahlt, und dem, was ein GKV-Versicherter für die gleiche Behandlung gekostet hätte, ist der Mehrumsatz.
Dieser Mehrumsatz ist kein Trinkgeld. Ohne ihn schließen Praxen, investieren Kliniken weniger und verlängern sich Wartezeiten für alle Patienten.
10,5 Prozent der Bevölkerung, das sind 8,74 Millionen Menschen, finanzieren 15,6 Prozent des Gesundheitssystems. Das Verhältnis ist überproportional. Nicht zugunsten der Privatversicherten.
PKV-Mehrumsatz nach Versorgungsbereich
Die WIP-Studie schlüsselt den Mehrumsatz nach Versorgungsbereichen auf. Die Daten stammen aus dem Berichtsjahr 2024.
| Bereich | PKV-Ausgaben | Mehrumsatz | Anteil am PKV-Beitrag |
|---|---|---|---|
| Ambulant-ärztlich | 15,43 Mrd. € | 8,76 Mrd. € | 56,8 % |
| Zahnärztlich | 5,42 Mrd. € | 3,22 Mrd. € | 59,5 % |
| Stationär | 13,85 Mrd. € | 0,27 Mrd. € | 1,9 % |
| Arzneimittel | 8,66 Mrd. € | 1,13 Mrd. € | 13,0 % |
| Heilmittel | 2,74 Mrd. € | 1,20 Mrd. € | 43,6 % |
| Hilfsmittel | 2,07 Mrd. € | 0,60 Mrd. € | 28,9 % |
| Gesamt | 48,66 Mrd. € | 15,52 Mrd. € | 31,9 % |
Quelle: WIP-Studie, Jahresbericht März 2026 (Daten 2024)
Der größte Hebel liegt bei den niedergelassenen Ärzten. 21,8 Prozent ihrer Gesamteinnahmen stammen von Privatpatienten, obwohl diese nur 10,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Pro Arztpraxis sind das durchschnittlich 82.171 Euro zusätzliche Einnahmen pro Jahr.
Was das für Ihre Arztpraxis bedeutet
Ohne Privatpatienten wären viele Praxen wirtschaftlich nicht überlebensfähig. Besonders in ländlichen Regionen, wo die Patientenzahlen ohnehin dünn sind, macht der Mehrumsatz den Unterschied zwischen einer funktionierenden Praxis und einer Schließung.
Der Mehrumsatz quersubventioniert das gesamte System. Die GKV-Gebührenordnung (EBM) ist budgetiert. Wenn das Budget erschöpft ist, werden Behandlungen zu reduzierten Sätzen vergütet. Jede zusätzliche Behandlung eines GKV-Patienten bringt dann weniger als den vollen Satz. Privatpatienten füllen diese Lücke. Nicht aus Großzügigkeit, sondern weil ihre Gebührenordnung nicht gedeckelt ist.
Wer morgens einen Termin beim Facharzt bekommt, profitiert davon, dass diese Praxis durch Privatpatienten wirtschaftlich stabil aufgestellt ist. Auch als GKV-Patient.
Steigen PKV-Beiträge schneller als GKV-Beiträge?
Die Gesamtausgaben der GKV lagen 2024 bei 262,87 Milliarden Euro. Die PKV kam auf 48,66 Milliarden. Zwischen 2014 und 2024 stiegen die Ausgaben je Versicherten in der PKV um 54,4 Prozent, in der GKV um 50,3 Prozent. Nahezu identisch.
In der GKV teilen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber den Beitrag hälftig. Auf der Gehaltsabrechnung taucht nur der halbe Betrag auf. In der PKV überweist der Versicherte den gesamten Beitrag selbst und bekommt den Arbeitgeberzuschuss separat erstattet. Gleicher Aufwand, unterschiedliche Optik. Diese Optik prägt die öffentliche Wahrnehmung stärker als jede Statistik.
Die Statistik sagt trotzdem etwas anderes. GKV-Höchstbeitrag 2026: 1.226 Euro monatlich für Versicherte mit Kindern, 1.261 Euro für Kinderlose, und das, obwohl die Familienversicherung fuer Ehepartner politisch bereits auf dem Pruefstand steht. Der durchschnittliche PKV-Vollversicherungsbeitrag liegt laut PKV-Verband bei 617 Euro. Die Frage, welches System teurer ist, beantwortet sich damit von selbst.
PKV vs. GKV Beitragsentwicklung 2014 bis 2024
PKV: +54,4 % je Versicherten. GKV: +50,3 % je Versicherten. Die Beitragsentwicklung beider Systeme verläuft nahezu parallel. Die Kostentreiber sind dieselben: steigende Behandlungskosten, teurere Medikamente, höhere Fallzahlen. Quelle: WIP-Studie 2024, Statistisches Bundesamt.
Zwei-Klassen-Medizin: Die falsche Debatte
Der Vorwurf der „Zwei-Klassen-Medizin“ unterstellt, dass PKV-Patienten dem System etwas wegnehmen. Die WIP-Zahlen zeigen das Gegenteil. PKV-Versicherte finanzieren mehr als ihren Anteil. Ohne sie hätten GKV-Patienten weniger Ärzte, längere Wartezeiten und ein Gesundheitssystem mit einem 15,5-Milliarden-Euro-Loch.
Die eigentliche Frage lautet nicht, ob wir ein Zwei-Klassen-System haben. Die Frage lautet: Wer finanziert was? Und wer profitiert am Ende wirklich davon?
Wer nun doch eine Bürgerversicherung will, müsste erklären, wie er 15,52 Milliarden Euro Mehrumsatz ersetzt. Bisher hat mir das noch niemand schlüssig vorrechnen können.
Ich bin ein Verfechter eines stabilen Systems. Die PKV hat natürlich auch ihre Schwächen. Wer anfangs schlecht beraten wurde, hat später möglicherweise ein echtes Problem. Aber die Lösung kann nicht sein, das tragende Element einer funktionierenden Gesundheitsversorgung ersatzlos zu streichen. Ich tendiere übrigens eher zur Abschaffung oder mindestens zur radikalen Dezimierung der GKV.
Fazit
15,5 Milliarden Euro Defizit lassen sich nicht so einfach ersetzen. Das geht einfach nicht.
Die PKV ist ganz sicher kein Luxus für Privilegierte. Sie ist eine wichtige tragende Säule des deutschen Gesundheitssystems. Die WIP-Zahlen machen das mehr als deutlich. 10,5 Prozent der Bevölkerung tragen 15,6 Prozent der Finanzierung. Jede ehrliche Debatte über die Bürgerversicherung sollte auch darüber geführt werden.
Wer über einen Wechsel zwischen PKV und GKV nachdenkt, sollte auch diese Perspektive kennen.